Selbstgänger versus Fingerbrecher

Eines gleich vorweg: Der folgende Blogeintrag wird zu keinem Ergebnis führen. Es gibt kein „richtig“ und „falsch“ in dieser Gegenüberstellung, keine Schwarz-Weiss-Malerei. Im Wesentlichen soll dieser Text Argumente aus beiden Perspektiven verdeutlichen, sodass sich vielleicht der eine oder andere Verfechter der „Von-allein-Gänger“ auch in die Warte der Fingermanipulatoren versetzen kann und umgekehrt. Ich beschränke mich hierbei jedoch ausschliesslich auf die Kartenzauberei, einerseits weil ich mich die meiste Zeit mit ihr befasse und andererseits, weil das Thema ansonsten zu weitläufig wäre. Zudem geht diese Aufzählung davon aus, dass der Selbstgängerzauberer keine einzige Fingertechnik beherrscht und der Fingerbrecher kein einziges Hilfsmittel verwendet. Eine Gegenüberstellung von Tino Plaz.

Definition Selbstgänger und Fingerbrecher

Fingerbrecher = FB, Selbstgänger = SB

Unter einem Selbstgängerkunststück verstehe ich ein solches, bei dem keine bis ganz wenig Fingermanipulation zum Gelingen beitragen. Oft liegen sehr clevere psychologische oder mathematische Prinzipien zu Grunde. Die richtige Wortwahl ist essentiell und trägt einen grossen Teil zum gefühlten Effekt bei. Als Fingerbrecher bezeichnen viele Zauberer diejenigen „Experimente“, die ein hohes Mass an Fingerfertigkeit und manuelle Techniken voraussetzen. Nur durch hartes und diszipliniertes Üben können diese angeeignet werden. Sehen wir uns nun die Vor- und Nachteile an:

Argumente für und gegen die Selbstgängerzauberei

Selbstgängerzauberei = SG

An erster Stelle muss hier wohl der deutlich geringere Übungsaufwand genannt werden. Versteht mich nicht falsch: ich bin der Meinung, dass gerade die automatisch funktionierenden Tricks gut einstudiert werden müssen. Trotzdem wird der SG-Zauberer bereits sein erstes Kunststück vorführen während der FB-Kollege noch das Doublieren übt.

Oft höre ich, dass man sich voll und ganz auf die Präsentation konzentrieren könne und man dabei nicht über schwierige Griffe nachdenken müsse. Aber: Viele Kunststücke dieser Art dauern einfach aufgrund von langwierig auswendig zu lernenden Prozeduren wesentlich länger und laufen Gefahr, langweilig zu werden. Man muss also aufpassen, dass die Konzentration auf den nächsten Schritt (…11 Karten auf den Tisch umzählen, danach Down-Under Deal… oder war es ein Under-Down Deal?) nicht zu einer Dezimierung des Publikums führt (…7 Zuschauer verlassen den Tisch). Wer diesen Punkt aber meistert, kann sich frei auf sein Publikum konzentrieren und dessen Reaktionen geniessen, während sich der Griffeklopfer vielleicht schon um die nächste Volte Sorgen macht.

In dieser Aufzählung dürfen natürlich die genialen und kreativen Gimmicks nicht vergessen werden, obwohl diese aus Zuschauersicht ja nicht wahrgenommen werden. So ermöglichen diese sehr erstaunliche Effekte, die rein technisch manchmal nicht so leicht oder überzeugend erzielt werden können. Die mathematische Wirklichkeit erfordert aber oft eher lange und unnötige Verfahren (müsste der Zauberonkel wirklich drei Mal 7 Karten in drei Reihen austeilen, wenn er richtig Zaubern könnte?). Diese Verfahren bedürfen einer glaubwürdigen Begründung um nicht zu sagen Rechtfertigung, die leider häufig zu kurz kommt.

Leider starten oder enden Selbstgänger nicht ganz so sauber, da vielleicht das ganze Deck gezinkt oder einzelne Gimmickkarten darin verbleiben. So kann im Gegensatz dazu beim Techniker nichts gefunden werden. Gut, man konnte vielleicht sein Palmieren sehen, aber der Zuschauer soll mal einen Top-Change nachweisen! Schon Erdnase beschrieb (allerdings aufs Falschspiel bezogen), dass Fingerfertigkeit halt nicht nachzuweisen sei während sich das Kartenholdout, das unten am Tisch angeschraubt ist, halt nur schwer leugnen lässt (ach das… das ist ein Getränkehalter).

Ganz erstaunliche Effekte werden durch vorgängige Legeordnungen möglich, wobei dieser Umstand den Nachteil eben dieser Vorbereitungszeit birgt. Wir sehen und folgern: für jedes Pro gibt es ein Kontra – jetzt wollen wir uns einmal die Hüter des stillen Kämmerleins anschauen.

Pro und Kontra der Fingerbrecher (FB)

Ein grosser Pluspunkt stellt sicherlich der Umstand dar, dass ein Griffeklopfer sofort und ohne jegliche Vorbereitungen mit einem gemischten Spiel loslegen kann. Er kennt genügend Effekte, die direkt aus dem Stehgreif erschaffen werden können. Und falls nicht, so bereitet er sich eben unter der Nase der Zuschauer (z.B. Hofzinser Cull) vor. Ein Gegenpunkt dazu: Während bei Selbstgängern der Zustand der Karten relativ egal ist (Wehe, das Spiel ist nicht vollständig!), sind FB-Sympathisanten fast auf ein gut laufendes, einigermassen neues Spiel angewiesen. Wohlweislich wird er also kein Spiel ausleihen wollen, das schon die 983 Runde Schieber über sich ergehen lassen musste.

Wer auf ein breites Repertoire an Griffen zurückgreifen kann, hat auch Spielraum für Spontaneität und fast immer ein Out, sollte mal etwas in die Hose gehen. Schnell ein Cull, gefolgt von einem Falschmischen und Doublieren und ZACK: die falsche Karte verwandelt sich in die richtige! Aber so können halt auch narrensichere Abzähltricks mal schief laufen und dann ist meistens nicht mehr viel zu retten; das Deck wird über den Haufen geworfen und dem Zuschauer wird auf Knien und unter Tränen versichert, dass das sonst IMMER klappt.

Leider (oder zum Glück?) bezahlt man für die Erlernung vieler Griffe einen Preis: unzählige Stunden in sich gekehrt an einem Tisch sitzend, Buch aufgeschlagen oder DVD studierend, Kartendeck verkrampft in Händen haltend. Ich erinnere mich noch gut an die 3 Wochen, die ich unter täglichem Üben aufwenden musste, um das Kleinfingerabzählen zu erlernen. Das kann frustrierend sein. Umso mehr, weil kein Zuschauer jemals ein Wort der Würdigung für meinen geschickten Kleinfinger aussprechen wird. Man übt gewissermassen Einradfahren im Dunkeln. Es liegt aber halt eine enorme Befriedigung in der Meisterung schwieriger Techniken, wie Dai Vernon richtig festgestellt hat und so bereue ich keine Sekunde des Übungsaufwandes.

Ein Kartenfreak neigt manchmal dazu, seine Kunststücke überzubewerten, eben weil sie Monate damit zugebracht haben, sie einzuüben. Das Publikum würde ihm sicherlich Respekt dafür zollen, wüsste es davon. Aber leider ist der Effekt manchmal gar nicht so stark und könnte tatsächlich mit einer Gaffkarte viel leichter und sauberer erreicht werden. Hier verschliesst der Meister der vielen Griffe seine Augen oft und bestreitet dies; er will es nicht wahrhaben, dass es auch leichter ginge, denn schliesslich drücken 100 Stunden Übung auf sein Ego.

Konsens bzw. der richtige Weg

Wir schlussfolgern: Nur eine Mischung aus beiden Lagern kann vollends befriedigend sein. Jedes Selbstgängerkunststück wird überzeugender, wenn zwischendurch falsch gemischt wird. Vielleicht gibt es auch einen direkteren Weg, indem man z.B. ein Faromischen einbringt. Genauso wird aber auch ein rein technisches Kunststück „runder“, wenn eine gut begründetes Selbstgänger-Prinzip angewendet wird. Erst durch die geschickte Verwendung mehrerer Prinzipien können die Zuschauer nachhaltig und gründlich getäuscht werden. Sie ergänzen einander und bieten sich gleichzeitig Schutz. Wie Zahnräder sollten sie ineinandergreifen und das gesamte Uhrwerk unserer geliebten Täuschungskunst zum Laufen bringen. Ich hoffe, Sie sind nicht enttäuscht, dass hier nicht Schwarz-Weiss gemalt werden kann.

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