Im Kampf gegen Speckkarten

Im Kampf gegen Speckkarten

„Ziehen Sie bitte eine Karte!“. Was sicher jeder von uns tausende Male schon ausgesprochen hat und noch genau so oft aussprechen wird, kann beim Zuschauer gemischte Gefühle auslösen. Dabei meine ich aber nicht mal die plumpe, einfallslose Formulierung und die oft beiläufige, gelangweilte Aussprache dieses Satzes. Es geht mir viel mehr um den Zustand der Spielkarten. Eine Meinungsäusserung von Tino Plaz.

Warum ein neues Deck?

Ganz ehrlich: Wir sind Zauberer und wollen als solche ernst genommen werden. Als elegante, coole oder witzige Persönlichkeiten wollen wir gelten. Die Zuschauer sollen sich gerne mit uns aufhalten. Warum also ekeln wir die, die sich extra Zeit nehmen, um unsere Kunststücke anzusehen mit alten, verklebten Spielkarten, die vor Schweiss und Fettablagerungen nur so triefen? Kostet ein Kartenspiel wirklich so viel, dass wir uns nicht regelmässig ein neues leisten können? Nur weil wir eine Jahrhunderte alte Kunstform vertreten, müssen unsere Spielkarten noch lange nicht so aussehen.

Vielleicht bin ich etwas heikel, doch ich persönlich ekle mich wirklich, wenn mir ein Zauberer seine schmutzigen Karten unter die Nase hält. Noch schlimmer wird’s, wenn ich die Karten noch mischen soll. Spätestens jetzt denke ich nicht mehr über den Trick nach, sondern suche verzweifelt nach einem Vorwand, mir die Hände waschen zu gehen. Ich behaupte, dass es vielen anderen Leuten (ja, auch Laien!) genauso geht wie mir. Nur sind die meisten zu anständig, es offen auszusprechen. Heute breche ich dieses Tabu! Jetzt wollen wir uns aber einmal ein paar Aspekte und Argumente der engagierten Verfechter der Speck-Karten vorknüpfen.

Argument 1: „Ich bin es nun mal gewohnt, mit alten Karten zu zaubern“

„Die neuen Karten rutschen mir immer aus den Händen!“ Darauf kann ich nur entgegnen, dass man dann halt etwas öfters ein neues Deck aufmachen sollte, damit man sich an den Umgang gewöhnt. Ein frisch ausgepacktes Spiel ist spätestens nach etwa 15 Minuten üben perfekt eingespielt. Mit Schrecken wird der Gammelkarten-Zauberer feststellen, dass plötzlich auch sämtliche Techniken leichter fallen. Die Karten fächern schöner, seitliches Stehlen klappt plötzlich, Seconddeals fallen leichter, Karten in der Palmage bieten mehr Widerstand und lassen sich einfacher halten.

Argument 2: „Ein Deck hat halt auch seinen Preis“

Ja, da haben Sie ganz recht – ein einzelnes Kartenspiel (Bicycle, Phoenix, Bee, Tally-Ho Standard) kostet bei uns CHF 6.50. Ein Zauberer, der gegen Geld Auftritt, ist es seinen Zuschauern aber schuldig, das bestmögliche zu bieten. Dazu gehören aber eben auch schöne, weisse, neue Karten. Sie sind ihr Arbeitsinstrument und damit eine Investition, keine Ausgabe. Die Karten erlauben es einem, gutes Geld zu verdienen. Da liegt doch wohl hin und wieder ein neues Spiel drin, oder? Ich persönlich folge hier dem Rat Roberto Giobbis und verwende für jeden Auftritt ein neues Kartenspiel. Selbst wenn man es aber nicht so streng nimmt wie ich, ist schon viel getan.

Wer kein Geld mit seinen „52 Freunden“ verdient, kann aber genauso wenig mit dem Argument Geld klagen: Ein ganzes Brick (12 Decks Standardkarten) gibt es mit einem Mengenrabatt, der den Preis um fast die Hälfte sinken lässt. Wer also 12 Decks bestellt, zahlt genauso viel wie sonst für 7 einzelne Decks. Und es wird noch besser: Wer schachtelweise bestellt, zahlt gleich viel Porto wie für ein einzelnes Deck. Rechnen Sie mal… Dazu sparen Sie noch Zeit.

Argument 3: Die Karten sind doch noch gut und es hat sich noch nie jemand beschwert

Wie bereits erwähnt, haben die meisten Menschen zu viel Anstand um einem Zauberer zu sagen, dass sie seine Karten widerlich finden. Oder es ist ihnen zu blöd. Das glauben Sie nicht? Haben Sie schon mal jemandem gesagt, dass er Schuppen auf den Schultern hat? Nein? Oder anders gefragt: Ist Ihnen schon mal verschwiegen worden, dass Sie schon den ganzen Abend etwas „Grünes“ zwischen den Zähnen haben? So ähnlich verhält es sich beim Thema schmutzige, alte Spielkarten. Die Leute sagen aus Anstand nichts, ärgern oder ekeln tun sie sich aber trotzdem. Klar, für Sie als Zauberer mögen die Karten noch gut sein. Ich sage ja auch nichts, wenn Sie mit diesen Karten noch weiter für sich selbst im stillen Kämmerlein üben. So mache ich es auch: Für jeden Auftritt ein neues Deck, danach benutze ich die Karten zum Üben.

Vorteile eines neuen Decks

Mit einem neuen, sauberen Deck werden Ihnen, wie bereits erwähnt, die allermeisten Techniken besser gelingen und noch dazu machen Sie auf Ihre Zuschauer einen gepflegten Eindruck. Dazu gehören natürlich auch noch Körperhygiene und schöne Fingernägel. Das ist aber ein Thema, das wir ein anderes mal besprechen wollen. Der Anfang ist aber schon mal gemacht. Ihre Zuschauer ziehen wieder gerne Karten aus ihrem neuen Kartenspiel und können sich auch wieder auf Ihre Tricks konzentrieren. Mit wenig gewinnen Sie also viel.

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